Der traurige Gärtner

Joachim Knauf steht in einer fast leeren Pflanzenhalle. Milchig fällt das Tageslicht durch die Wände. In der Gärtnerei ist schon alles besenrein. Noch ein paar wenige Pflanzen stehen in den verlassen wirkenden Lagerhallen. „Modernste Technik“, sagt der 78-Jährige und zeigt stolz auf eine Art Jalousie, die die Licht- und Wärmezufuhr automatisch regelt. Gebraucht wird dies alles nun nicht mehr.

Nur ein Teil der Utensilien wird mitumziehen nach Schkeuditz. Zwischen dem Altscherbitzer Feld und der Theodor-Heuss-Straße soll die neue Gärtnerei eröffnen – auf drei Hektar Fläche. Knaufs erwachsene Söhne, die ebenfalls im Betrieb arbeiten, und ihre Familien sind praktisch schon dort. Joachim Knauf fällt es am schwersten seine Heimat zu verlassen.

Der Senior ist ein echter Ureinwohner. 1954 floh seine Familie vor der Braunkohle nach Kursdorf. Er fühlte sich wohl in dem kleinen Ort, so nah am Flughafen. „Zu DDR-Zeiten sind wir übers Rollfeld gelaufen“, erinnert sich Knauf, „ein Kilometer war das bis nach Schkeuditz.“

 

Die Kursdorfer arrangierten sich mit dem Airport, sie kannten es nicht anders. Als der Flughafen irgendwann einen Zaun baute, schnitten sie Löcher hinein, später überquerten sie auch die Autobahn, um „nach Freiroda zum Tanzen zu gehen“, erzählt Joachim Knauf und lächelt still.

Als er 35 wurde, schickte ihn die DDR zur Armee. Seine Frau führte die Gärtnerei in dieser Zeit allein weiter, keine leichte Aufgabe.

„Ich hab mich nicht unterkriegen lassen“

, sagt Knauf. Dasselbe dachte er, als der Flughafen sich nach der Jahrtausendwende immer weiter ausdehnte. „Ich haue nicht ab“, rief der Gärtner vor einigen Jahren noch auf Bürgerversammlungen. „Ich werde hier der Letzte sein.“

Es enttäuscht ihn, dass Kursdorf kaum Unterstützung von anderen Gemeinden bekam, die ebenfalls vom Fluglärm betroffen waren. Viele Menschen sehen vor allem die wirtschaftliche Entwicklung der Region, sagt der Senior. Der Lärm sei eben ein notwendiges Übel. Die Knaufs jedoch kämpften um ihre Gärtnerei.

Vor acht Jahren erst renovierten sie das komplette Wohnhaus: Fußboden, Keller – alles neu. Ein deutlichtes Zeichen: Wir bleiben hier. Sie klagten gegen den Flughafen, der den Betrieb nicht auf eigene Kosten umsetzen wollte.

Das Angebot für ein neues Grundstück gilt nur für private Häuser, nicht für eine Firma.

„Wozu brauchen Sie überhaupt eine Gärtnerei?“

, habe ihn ein Mitarbeiter des Flughafens mal gefragt. „Da hab ich rot gesehen“, erinnert sich Knauf. Inzwischen hat sich die Familie mit dem Flughafen geeinigt. 30 Prozent der Investitionssumme kommt als Entschädigung vom Airport. Knauf sagt, er sei dennoch verschuldet. Man merkt, dass ihn der Umzug stark mitnimmt. „Ich kann nicht mehr schlafen“, sagt der Ur-Kursdorfer. „Das ist doch meine Heimat.“

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